Vollmond, Fackeln und Likör....ein Hundertmeilentraum geht in Erfüllung
 Fotos: Bettina Hardege
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Mein erster Hundertmeiler steht vor der Tür bzw. in der Heide. Ich kann es noch gar nicht richtig glauben, da sind wir auch schon auf dem Rittergut Feuerschützenbostel zwischen Bergen und Celle angekommen. Der Himmel ist ein einziges Meer aus grauen Wolken… Der Vollmond wird’s schwer haben… Na großartig, dazu noch kübelweise Nass von oben. Die Stimmung ist gespannt, aber nicht getrübt.
Nach einer heißen Suppe werden die letzten Vorbereitungen getroffen, bevor sich die Dunkelheit über den Platz legt. Eine Stunde noch, dann ist Mitternacht und somit Startschuss zu meinem ersten Hundertmeiler. Treffpunkt ist um 23:45 Uhr. Hier erwarten uns 36 Starter (29 davon haben sich für die 160 km angemeldet, 7 für die 80 km) die ganzen Helfer mit Fackeln und die Organisatoren mit Likör. Es geht los – aber wohin? Karte habe ich, aber auf Empfehlung lasse ich meine Stirnlampe aus, damit sich die Augen an die Dunkelheit gewöhnen. Das Klappern der Pferdehufe, funkende Hufeisen auf steinigen Wegen, die Bewegung des Pferdes – die Wahrnehmung bei Nacht ist eine ganz andere als bei Tageslicht.
Irgendwann nehme ich auch die ersten Knicklichter wahr, die uns auf den ersten 45 km den Weg durch die Nacht weisen sollen. Nach einem Trott-by kommt das erste Vet-Gate – es ist 2:30 Uhr und der Mond lässt auf sich warten. Es ist wie auf dem Datingmarkt: Reiter sucht Tross, Tross sucht Reiter.
Der Mond lacht jetzt zwischendurch zu uns runter und tatsächlich – bis zum 2. Vet-Gate (Willighausen) bei Morgengrauen haben wir uns nur einmal ganz kurz verritten. Die Tierärzte geben grünes Licht und so machen wir uns zusammen mit Jenny und Kalil auf zur wohlverdienten Frühstückspause in Stübeckshorn. Es ist kühl und trocken – also optimales Wasja-Wetter – und so läuft sie jetzt auch. Der Weg führt uns zu einer großen Wiese. Hier erwartet die Pferde saftiges Frühstücksgras und uns die erste liebevolle Mahlzeit des Tages bestehend aus Brötchen und allem was dazu gehört. Für die 80 km Reiter ist hier Schluss. Sie transportieren ihre Pferde von hier aus ins Ziel nach Brackel.
Wir verlassen jetzt die feste steinige? (keine Ahnung, haben ja nicht viel gesehen) Wegstrecke und reiten direkt ins Naturschutzgebiet Lüneburger Heide. Alle 20 km haben wir nun die Möglichkeit den Ritt in der Wertung zu beenden. Die nächsten 60 km erwarten uns tiefe Sandwege, aber der Regen am Vortag hat dazu geführt, dass der Boden relativ fest und staubfrei ist. Es geht über Scharrl zum 4. Vet Gate auf dem Stimbeckhof und dann weiter über Ehrhorn zum Nudelstop bei 120 km. Hier gibt es Nudeln satt für alle.
Mittlerweile sind wir jetzt zu viert unterwegs. Sian und Hadshi Karin sind unsere ständigen Begleiter. Jetzt sind wir doch schon bei 140 km in Ollsen angekommen und wir dürfen bzw. müssen weiter. Die Tierärzte sind sehr zufrieden und geben uns noch ein paar Tipps mit auf den Weg, der uns über Dierkshausen aus dem Naturschutzgebiet Richtig Brackel führt. Bloß jetzt keinen Fehler mehr machen. Wir sind alle müde und wollen nur noch ‚nach Hause’.
Noch 2 x abbiegen und dann sehen wir das Ziel vor uns und können es nicht glauben, dass wir soweit gekommen sind. Da stehen sie alle und applaudieren, ich bin wie benommen, Freudentränen versperren mir die Sicht, ich werde gedrückt, beglückwünscht und darf wieder einen Schluck von dem leckeren Likör nehmen.
Und Wasja? Sie steht da und ist die Ruhe selbst, wie schon die ganze Zeit auf dem Ritt. Irgendwie scheint sie zu wissen, dass sie dieses Mal mit ihren Kräften haushalten muss. Ich bin so stolz auf meine dickköpfige Haflinger-Pinto-Stute und wieder überkommt mich dieses tolle Gefühl es geschafft zu haben.
Die Aufregung und Anspannung legt sich zwar nicht, aber trotzdem kommt jetzt der große Hunger. Zwei Verpflegungszelte bieten zunächst Kaffee und Kuchen und zum Abend hin Brot, Tsatsiki, viele Salate und Fleisch direkt vom Grill. Fotos beweisen, dass später auch noch ein Lagerfeuer gezündet wurde – dass war aber nach meiner Zeit, denn ich bin einfach nur noch müde, aber überglücklich Richtung Schlummerland.
Der nächste Tag ist dann der Tag der Entscheidung – auf der Heidedistanz findet die Nachuntersuchung erst am nächsten Tag statt. Die Reihenfolge ergibt sich aus den Startnummern.
Fazit:
Es heißt, dieser Ritt ist etwas ganz Besonderes – ich kann mich dieser Meinung nur anschließen. Im Vorfeld gab es schon die Möglichkeit, sich sämtliche Dinge auszudrucken (Streckenkarten, Übersicht mit Troßmöglichkeiten). Ein Nachtritt bedeutet 100%iges Vertrauen in den Partner Pferd. Die Umstände, die ein Nachtritt mit sich bringt, werden durch die großartige Organisation und liebevolle Betreuung durch den Veranstalter abgefangen. 60 Helfer, die besondere Atmosphäre beim Start durch die Fackeln, die Knickleuchten auf der Strecke, aufgebaute Verpflegungszelte in vielen Pausen und der Zieleinlauf lassen diesen Ritt zu einem besonderen Erlebnis werden, der jetzt einen festen Platz in meiner Planung haben wird, auch wenn die ersten 80 km der Strecke sehr fest erscheinen.
Jessica Spitzke