Beluga Distanz (Juni 2006)
Komm mit zum Abenteuerritt…
Monatelang sehnten wir Pfingsten herbei und freuten uns auf unseren ersten Mehrtagesritt!
Dann wurde aus den Träumereien Ernst, es fing mit Mails an – der alte Klassiker: „genug trainiert?“ – es ging über Forumthreats – „genügt das Aldi Zelt mit dieser und jener Wassersäule“ und „neue Outdoor-Küchen-Kreationen über dem Gaskocher“ – in panikartige Telefonate kurz vor Abfahrt über – „denk dran, du Mistboy – ich Mistkratzer“…
Freitagabend:
Nachdem wir uns kurz nach dem Losfahren gleich in den Stau begaben, trat ich danach aufs Gas und nach knapp 4 Stunden Tiefflug trafen wir auf der Paddockwiese in Rammingen/Lindenau bei Ulm ein.
Hier beim Ausflugslokal Lindenau campierten in der ersten Nacht 29 Pferde, 72 Menschen und 12 Hunde…
Ina und Werner hatten uns ein Plätzchen im hohen Gras freigehalten und nach der Voruntersuchung fing der gemütlichen Teil an, der nicht mehr allzu lange ging, da es schon spät war. Ab gings in oben erwähnte besagte Luxuszelte.
Samstag: Etappe 67 km „Lonetal“
Der erste Rittag dämmerte herauf und um 8 Uhr begaben sich 29 Pferde und Reiter an den Start und wir ritten zum Lonetal hinunter.
Lange Kilometer schlängelte sich der Weg am Flüsschen Lone entlang, auch eine Furt war dabei – juchuu – durch kleine Dörfer und romantische Blumenwiesen.
Das Feld hatte sich auseinander gezogen, vorn lag unter anderem die Schimmelgemeinde, es folgten einige 2er und 3er Grüppchen, die Fjordfraktion war ebenfalls würdig vertreten und zum Schluß kam die Nachhut, die abends bei der Siegerehrung mit „Entengruppe“ oder „Häkelclub“ betitelt wurde, dies nicht nur ihres Tempos wegen…Enten schnattern auch viel…
Der Hauptstop lag am Gestüt Beluga Arabians in Nellingen, wo wir die Möglichkeit hatten, unsere Pferde in luxuriöse Boxen zu stellen und uns an leckeren Würstchen (mein Tross schwärmt heute noch davon) und Kuchen satt essen durften. Welch eine Gastfreundschaft! Einzige Schattenseite: danach wollte man gar nicht mehr aufs Pferd!
Nach 67km waren wir am Ziel in Hohenstadt an der Weiler Höhe angelangt und bauten das Nachtlager für Mensch und Tier auf.
Kleiner Zwischenfall am Rande, damit es uns nicht langweilig wurde: mein holdes Ross meinte, es müsse kurz hysterisch seinen Paddock plattwalzen und durchs Camp galoppieren, weil sein Kumpel nebenan weggeführt wurde grrr also bauten wir das Paddock zur Übung schnell noch mal auf, war ja echt kein Problem.
Tja, dann kam die Siegerehrung: hier wurden die Tageserlebnisse ordentlich durchgekaut, nichts blieb verborgen, sei es, dass sich die Konkurrenten gegenseitig die Hufeisen aufnagelten oder dass man etwa versuchte einen Konkurrenten anzufahren.
De Etappensieger bekamen gelbe Trikots und mussten alle ordentlich beküsst werden.
Von 29 Pferden blieben 28 in der Wertung.
Pfingstsonntag, Etappe 81km „Münsinger Alb“
Pünktlich um 6 Uhr setzte der Regen ein, ließ zum Start kurz nach und kam dann schön kalt von schräg vorn zurück…ideales Reitwetter! Ina und ich scheuchten unsere armen Arabären über die Felder und Wälder und brachen in Jubelgesänge aus, als es nur noch nieselte und irgendwann ganz aufhörte.
Nach einigen Dörfchen ging es an einer Bahnstrecke entlang, von der aus wir doch tatsächlich die richtige Abzweigung den Wald hoch wählten – wir haben eindeutig das Kartenlese-Gen intus – und beim 40km Stopp eintrafen.
Hier hörte Ina mit Ali für heute auf und hängerte zum Tagesziel voraus, während Medidi und ich uns alleine auf die restlichen 41km machten. Wir waren das perfekte Team, ich fand den Weg, der praktischerweise immer von Hufspuren bestätigt war – hier hatte der Regen mal was Gutes – und mein Langbein lief tapfer vor sich hin, schlängelte sich durch Täler, erklomm die Hochebenen und lernte aus Pfützen zu trinken.
Es kam jetzt tatsächlich hin und wieder die Sonne raus und wir holten eine größere Reitgruppe vor uns ein. Im Gruppengalopp merkte ich auf einmal, dass sich mein linker Steigbügel verpieseln wollte – ich fing ihn gerade noch mit dem Fuß auf. Ich führte also den restlichen Kilometer in den 60er Stopp und grummelte vor mich hin.
Hier erwies sich wieder einmal, was ein findiger Tross wert ist: mit Zeltseilen und irgendwelchen Seglerknoten pfriemelte Dirk den Bügel an den Sattel – mit etwas ungleichen Bügeln startete ich auf die letzte Etappe. Die Sonne brannte auf einmal und wir hatten beide Durst, Medidi hatte wenigstens noch ein paar Pfützen, aber ich konnte mich schlecht in die Donau werfen, die wir überquerten…
Wie eine Fata Morgana erschien uns Dirk mit dem Landy am Dorfrand, und es wartete tatsächlich ein Wassereimer und
ein Schorle auf uns!
Endlich erreichten wir das Ziel, den Landgasthof Stegenhofstüble nördlich von Bieberach und waren ganz stolz, die Strecke mit dem Handicap Steigbügel geschafft zu haben.
Heute genossen wir die letzten Sonnenstrahlen und schmissen den Grill an. Nachdem wir satt gefuttert waren, begaben wir uns zum Gasthof zur Siegerehrung und fielen danach müde ins Zelt, ich schlief mit jeder Nacht besser, eindeutig vor Erschöpfung!
Pfingstmontag, Etappe 58km
Am Pfingstmontag begrüßte mich mein Pferd mit einem halboffenen rechten Auge…die Tierärzte konnten nichts Konkretes in diesem frühen Stadium erkennen und ich beschloss, erstmal loszureiten. Falls es tatsächlich ein Schub von Medidis Periodischer Augenentzündung sein sollte, konnte ich immer noch aufhören.
Die heutige Strecke ging abwechslungsreich über hügelige Felder, verschlafene Dörfer, lichte Wälder, es war etwas bewölkt und wir kamen flott voran – trotz kürzer schnallen waren meine Bügel immer noch ungleich und ich versuchte so bügelentlastend zu sitzen wie möglich, was eigentlich der Quadratur des Kreises gleicht. Im Shoppersitz ging es am besten und ich verstehe jetzt, warum so viele ihn reiten: er ist im Schaukelgalopp superbequem!
Im Hauptstopp bei 30km war das Auge leider schlechter und am Ende der Pause fing Medidi an zu flehmen, was bei ihm ein Schmerzzeichen ist. Ich hörte also auf und hängerte zum Ziel, dem Hof der Familie Jedele in Hauerz. Hier brachten wir die Nachuntersuchung mir Bravour hinter uns (immerhin hatten wir 178km von 206 erreichbaren in der Wertung) und konnten dann endlich Medikamente geben.
Nachdem Roger, Wolfgang und Iris ins Ziel kamen, trudelte nach und nach das restliche Feld ein. Alle 28 Pferde bestanden die Nachuntersuchung und mit der Siegerehrung ging für uns dieser abenteuerreiche Dreitagesritt zu Ende.
Die tolle Stimmung, die Kameradschaft untereinander, die unermüdlichen Pferdchen, die tapferen Trosser, die immer freundlichen Helfer und Tierärzte (ganz ehrlich: ich habe selten so kompetente Distanztierärzte erlebt, die zusammen mit mir als Reiter darauf bedacht waren, dass der Vierbeiner keinen Schaden nimmt!), die verschlungenen Täler, die Bachdurchquerungen, die romantischen Wacholderheiden und schattenspendenden Wälder…was soll ich sagen, die Vorfreude auf die Schwäbische Alb hat sich gelohnt!
Ich habe zwar ein paar Tage gebraucht, um mich zu erholen, aber trotzdem:
Danke an Dirk für unentwegtes fleißiges Zelt und Paddock auf- und abbauen, Hängerfahren, Grillen, Pferd halten und alle sonstigen Handlangerdienste: das war Trossen vom Feinsten!
Danke an Ina und Ali, ihr wart die perfekten Rittbegleiter und Gesprächspartner – auf zum nächsten Ritt!
Danke an Ina Bader, dass Du Reiterträume ermöglichst, von denen wir gar nicht wussten, dass wir sie hatten…
Jenny & Medidi