Europameisterschaften der Senioren in Punchestown - Irland
 Wer meinte, Irland hätte keine nennenswerten Steigungen zu bieten, hatte die Strecke gewaltig unterschätzt. Links Gabriela Förster mit Zaim, rechts Uli Pottrick mit Eddy.
 Auf den Hauptstrassen hatten an diesem Tag die Pferde Vorfahrt. Ulrike und Eddy Foto:Ellen-Hoffmann
 Bernhard Dornsiepen und Nico waren die schnellsten Deutschen: Platz 6! Foto:Bärbel-Büchting
 Stefan Zöller war lange ganz vorn mit dabei (hier hinter Ellen Suhr, NOR) - doch leider verletzte sich Khamir auf dem rutschigen Boden. Foto:Bärbel-Büchting
 Wie gewohnt ein verläßliches Paar: Monika Kröz und Reitar Foto:Ellen-Hoffmann
 Nur 10 km vor dem Ziel fiel Belinda Hitzler’s Experiment dem rutschigen Geläuf zum Opfer Foto:Bärbel-Büchting
 Die neue Europameisterin 2003: Virginie Simon aus Frankreich mit Elza de Gion. Foto:Bärbel-Büchting
 Geteilter Meinung war man über den Zieleinlauf der Sheiks, die den Sieg der Open-Wertung innerhalb der Familie abmachten. Foto:Bärbel-Büchting |
Irland, die grüne Insel, lud in diesem Jahr zur Europameisterschaft ein – nicht nur die Vielseitigkeitsreiter, sondern zeitgleich auch die Distanzreiter. Wie vor zwei Jahren auch waren die Emirate der Hauptsponsor und sorgten mit finanziellem Einsatz für eine professionelle und aufwändige Organisation.
Eine knappe Woche vor Beginn trudelten nach und nach LKW’s und Gespanne aus vielen Ländern auf dem weitläufigen Gelände der Rennbahn Punchestown ein. Für die Pferde gab es die bewachten Boxen, aber auch die Möglichkeit, sie ins Paddock zu stellen, für die Reiter Zeltmöglichkeiten direkt dabei. Anders als bei der WM in Spanien, waren die Iren mit den Akkreditierungsbändchen sehr großzügig – wer dennoch keines hatte, konnte trotzdem – fast – überall hin. Mittwoch, am Tag der offiziellen Eröffnungsfeier, Aufregung nicht nur im deutschen Lager. Nur ein Auto durfte pro Reiter auf die Strecke! Zunächst sollte nicht einmal der Transport von Helfern ins Außengate erlaubt sein. Die Feier selbst fand neben dem Vet-Gate statt, welches in einer großen Halle aufgebaut war. Hier gab es leider nur eine kleine Parade der Nationen zu Fuß, dafür im Anschluss aber viel Wein, Musik und jede Menge zu Essen. Neben den Europäischen Nationen waren natürlich auch die Emirate, aber auch Teilnehmer aus Ländern wie Malaysia und Brasilien angereist.
Alle sieben deutschen Pferde waren fit, keine Beanstandungen bei der Voruntersuchung am Donnerstag. Nachdem Susanne Kaufmann mit Fay el Rat wegen einem Hufgeschwür kurz vor der Abreise absagen musste, rutschte Ulrike Pottrick auf einen Startplatz vor. Sie war ebenso wie Monika Kröz mit Reitar mit eigenem Gespann angereist. Bernhard Dornsiepen hatte einen LKW organisiert, mit dem sein Nico sowie Belinda Hitzlers Experiment, Gabriela Försters Zaim, Stefan Zöllers Khamir und Pamina reisten. Eigentlich sollte letztere gen Süden nach Kreuth, doch Hilga Höfgens sprang nur wenige Tage vor Abreise kurzfristig ein, buchte Fähre und sprang aus dem Büro ins Auto.
Kopfzerbrechen machte keine 24 Stunden vor dem Rennen nur das große Geheimnis: die Strecke. Selbst das Nachtstück konnte nicht abgeritten werden – überall nur Zäune und verschlossene Tore. Auf den Wiesen dahinter allerlei Getier … nichts zu machen. Das Höhenprofil verriet: So einfach, wie manche vor der Reise geglaubt hatten, würde es nicht – dafür würden die Wicklow Hills schon sorgen.
Freitag, halb sechs früh in dunkler Nacht
77 Reiter traben hinter dem Startwagen los und verschwinden als Lichtpunkte glühwürmchengleich in der Dunkelheit. Vor ihnen jagt das vierrädrige First Horse über die Piste, wie von Geisterhand werden zahllose Tore geöffnet.
Die Nacht zuvor kam der, von den Iren lang ersehnte, gefürchtete Regen, doch am Ritttag ist es zumindest von oben wieder trocken. Es geht über rutschige, buckelige Wiesen kleiner Farmen oder auch große Gestütsweiden und immer wieder durch Tore. An den rot oder gelb leuchtenden Durchlässen müssen sich alle wieder einreihen.
Nach der Durchquerung des River Liffey zählen die Offiziellen erstmals alle Reiter durch. Hier am Controlpoint one (von neunzehn) kommt nach 41 Minuten die über 20 Reiter starke Spitzengruppe vorbeigetrabt, Titelverteidiger Fausto Fiorucci, die Scheichs, Valerie K., die Französinnen sowie Bernhard, Stefan und Belinda.
Church Mountain und Co. warten schon. Es geht die Weiden rauf, Weiden runter… und wieder rauf…
Mit dem ersten fotofähigen Licht warte ich fast am Ende der grünen Hügel auf die Spitzengruppe – und vergesse fast abzudrücken: Stefan Zöller kommt als zweiter um die Ecke getrabt, direkt hinter Ellen Suhr aus Norwegen.
Nach 40 km in 158 Minuten trifft er auch als erster im Vet-Gate in Donard ein.
Nur Sekunden dahinter die Norwegerin Ellen Suhr, Sheik Rashid, Sheik Majid, Fausto und Hansjörg Bendiner. 1 Minute 33 Sekunden braucht das UAE-Team nur, dann wird Gimini Courth House als erster präsentiert und übernimmt die Führung (15,36 km/h). Stefan präsentiert Khamir als Dritter. Während er noch bei den Tierärzten steht ist auch Bernhard eingetroffen (8.10 Uhr), zwei Minuten später reitet Belinda ein.
Drei Deutsche vorne mit dabei, vorbei ist es mit der Ruhe in der abgesteckten Crewarea! Die anderen Drei haben es langsamer angehen lassen, Gabriela und Ulrike kommen um 8.25 Uhr, Monika noch einmal elf Minuten später. Sieben Pferde scheiden hier aus. Und wieder geht es in die Hügel – zurück in Richtung Punchestown, wo die weiteren vier Vet-Gates (km 80, 108, 131, 150) sind. Crewpunkt im kleinen Örtchen Ballymore.
Die Reiter kommen über die Hauptstraße, Schulkinder in Uniform jubeln und klatschen wenn die Reiter durch das geschmückte nette Dorf reiten. Hier hat das Pferd Vorfahrt, dafür sorgt die Polizei, und die Hauptstraße bietet genügend Platz zur Versorgung der Pferde. Da wird getränkt, Wasser geschüttet, ein Eisen befestigt … und alles auf einer wirklich breiten Straße – welch Seltenheit, wo doch auf der Fahrt zu anderen Crewpunkten man am liebsten bei Gegenverkehr nicht nur seinen Seitenspiegel einklappen, sondern gleich den ganzen Wagen zusammenfalten möchte…
Geöffnete Weiden an den Crewpunkten selbst sorgen dort für ausreichend Park- und Wenderaum.
Km-Halbzeit
Stefan reitet immer noch vorneweg und trifft um 11.03.32 Uhr fünf Sekunden vor dem Schweizer Bendiner ein, als dritte kommt Ellen Suhr.
Stefan präsentiert schnell, doch Khamir regt die Messehallenatmophäre des Vet-Gates auf, der Puls geht hoch! Den zweiten Versuch wagt Stefan erst nach 11 Minuten und fällt damit auf Rang zwölf zurück. 43 sec. nach ihm ist auch Bernhard’s Nico vorgestellt. Belinda, die um 11.19 Uhr als 22 reingekommen ist, braucht 15.54 min. bis ins Gate und fällt so weiter zurück. Ulrike und Gabriela sind um 11.37 Uhr auch da (Präsentation 11.45 Uhr).
Langsam wird es eng im Crewzelt. Gut, dass es nicht regnet, so breitet sich das Lager immer weiter vor das Zelt aus. Vorne Bendiner, dahinter Sheik Rashid und dann das französische Team, so geht es um 11.56 Uhr wieder raus. 12.04 Uhr bzw. 12.05 Uhr dürfen auch Stefan und Bernhard weiter. Monika hat gerade ihren Reitar präsentiert – 50 Minuten trennen sie also von Stefan. 16 Pferde scheiden in diesem Gate aus – das rutschige Geläuf zollt seinen Tribut.
Es trifft Titelverteidiger Fausto Fioruccis Faris Jabar ebenso wie Jassas von Sheik Majid.
Die Teams der UAE und auch von Belgien sind gesprengt. Medaillenstimmung im deutschen Lager um Equipechefin Beate, Tierärzte Lioba Wagner und Martin Grell, Physios Cordula Kopf und Jutta Kricke, Masseur Dieter Hoffmann, Schmied Nils Muche, Trainer Florian Schmidthüs sowie den kaum zu zählenden weiteren Helfern. Rote Shirts fast überall… Nur eine Minute trennt die deutsche Mannschaft von Bronze.
Nächstes Gate bei 108 km
Sheik Rashid führt wieder, direkt dahinter Sheik Hamdan und als dritter im Bunde Vater Sheik Mohammed bin R. (Kronprinz von Dubai).
Das UAE-Team braucht 12 Minuten, um seinen Provocative vorzustellen, daher fällt er zurück. Bester Europäer ist zur Zeit Jean-Louis Molitor aus Belgien. Mit 17 km/h sind Valerie Kanavy und die Französin Virginie Simon über den Kurs galoppiert und haben kräftig aufgeholt (4 + 5).
Die Deutschen: Stefan Zwölfter, zusammen mit Bernhard reingeritten, der als 17ter präsentiert hat. 16 min. dahinter Belinda (Rang 24), Position 28 + 29 für Gabriela + Ulrike, 32 für Monika. Nur noch 48 Teilnehmer sind im Rennen, ausgeschieden zum Beispiel Bronzegewinner von Italien 2001 Hansjörg Bendiner. Das italienische Team geplatzt, Portugal zurückgefallen – die deutsche Mannschaft steuert auf Silberkurs!
Anders als in Spanien, wo sie hinter einen Zaun verbannt wurden, können die Zuschauer sich in der Betreuungszone frei bewegen. Auch im deutschen Lager häuft sich der Besuch, Vertreter der FN, Schlachtenbummler – eigentlich für die Vielseitigkeit angereist – und auch die Reiter selbst kommen und staunen über den Aufwand, der in der Ruhephase betrieben wird. Wissbegierig wird gefragt und viel gelernt.
Erste Tränen nach 131 km
Die Stewardessen verteilen wieder einmal Emirate Airlines Kappen – das Königshaus führt mit Platz 1-3.
Gedrückte Stimmung dagegen im deutschen Lager: Khamir lahmt – er ist auf den schrägen Wegen mehrfach böse gerutscht und hat sich dabei verletzt. 16 Minuten Rückstand hatte er zu dem Zeitpunkt auf die führenden Sheiks. Hinter einem Belgier und vier Franzosen an sechster europäischer Position liegend, sind Stefan und sein Pferd bis dahin ein tolles Rennen gelaufen!
Gut sieht es bei Bernhard aus (Pos. 15), doch die Mannschaft macht Sorgen! Experiment und auch Zaim müssen mehrfach traben – es reicht, um weiter zu dürfen, doch ob es bis ins Ziel reicht? Monikas Abstand zu Gabriela beträgt nur noch 20 Minuten, die vierte Teamreiterin segelt in sicheren Wassern immer weiter nach vorne.
Noch 10 km bis ins Ziel, oder?
Eben noch die Medaille greifbar nahe, lahmt Kurrajong S D W von Sheik Hamdan, sein Bruder Rashid führt mit 8 min. Vorsprung vor der Französin Virginie Simon. Mit mehr als 17 km/h haben sie auf diesem Streckenabschnitt weiter Tempo gemacht. Andere sind dagegen eingebrochen, die Höchstzeit sitzt nun so manchem im Nacken.
Bernhard liegt an 13ter Stelle. 18.47 Uhr wird Experiment vorgestellt. 150 km ist er mit 14,13 km/h gelaufen – die letzten 10 darf er jedoch nicht mehr. Auch Ellen Suhr, die zu Beginn mit Stefan das Feld angeführt hatte, darf hier nicht wieder satteln. Um kurz nach 19 Uhr ist die deutsche Mannschaft geplatzt. Auch Zaim lahmt.
Traurig packen die Betreuer die Siebensachen zusammen. Ein langer Tag, so viel Hoffnung und dann so kurz vor dem Ziel doch alles vergebens. Nur 33 Reiter sind noch im Rennen. Ulrike und Monika machen sich um 19.48 Uhr im Sekundenabstand auf die letzte Runde.
Ein Finish und doch kein Finish
Lange warten wir auf der Ziellinie – viel zu lange für 10 km! Aber kein Wunder, wenn der Führende Sheik Rashid mit 12,38 km/h über den Kurs trabt – langsamer als fast alle anderen nach ihm. Warum?
Der Sohn wartete auf seinen Vater. Hand in Hand schreiten dann die beiden Sheiks und Ali Mohammed al Muhari um 19:10:45 Uhr zu Pferde dem Ziel entgegen. Kein sportliches Rennen – nein: an der Linie wird Sheik Mohammed nach vorne geschoben und gewinnt damit die Open Wertung vor seinen beiden Landsleuten (15,47 km/h).
Dubai TV interviewt, Kameras klicken…
Eine halbe Minute später galoppiert die neue Europameisterin Virginie Simon mit Elza de Gion herein. Im Interview erklärt sie später: “Ich wollte Europameisterin werden, das war mein Ziel. Nächstes Jahr ist es anders, da ist die WM.” Mit ihrem aus den USA eingeflogenen Shahdon galoppiert Valerie Kanavy um 19.12.30 Uhr über die Linie.
Fast hätte Saif Ali Al Ketbi (UAE) mit seiner über 21 km/h schnellen Aufholjagd auch sie noch geschlagen (19:12:45 Uhr). Und doch haben die Zuschauer nicht vergebens auf ein Finish gewartet – die Französinnen kommen und lassen auf der Zielgeraden die Zügel schießen. Rang 7 (Silber Europawertung) für Emilie Lambert mit Gourbi (19:16.37 Uhr), dahinter Sunny Demendy mit Haoussa Larzac und Barbara Lissargague mit Georgat. Platz 10 (Europawertung 5) geht an Jean-Louis Molitor aus Belgien mit Fidji. Elfter und damit sechstbester europäischer Reiter ist Bernhard Dornsiepen mit Nico (14,95 km/h). Nur 22 Minuten trennen ihn von dem Sieger!
Auf der Ziellinie geschlagen: Anita Lamsma, die holländische Meisterin mit Salomo Djinti. Platz 17 (Europa: 10) geht an Monika Kröz mit Reitar (13,77 km/h), Ulrike Pottrick wird mit El Encantador 21te (Europa: 13). Mannschaftsgold geht in 31:38:32 h mit Riesenvorsprung nach Frankreich, Mannschaftssilber wieder an Portugal (34:53:57 h). Erstmals eine Mannschaft geschickt hatten die Holländer und gewinnen Bronze (35:10:36 h).
Als einzige weitere von elf Nationen bringt Malaysia drei Reiter ins Ziel. Platz fünf für die Deutschen mit zwei Reitern, alle anderen haben nur einen Mannschaftsreiter ins Ziel gebracht. Besonderes Pech hatte Italienierin Angela Origgi, die im Ziel noch ausschied. Schnell im Dunkeln war die Irin Iona Rossely, die in 31 Minuten mit der Höchstzeit im Nacken auf Gaziza Larzac das Schlussstück meisterte und damit Rang 29 Gesamt bzw. 19 Europa belegte.
Ein Spurt, auf den Miranda Kayser Keppel aus Luxemburg verzichtete – sie zog ihre Neuerwerbung Daintree Pagan vor der letzten Runde zurück. Sieger zu Pferd – Platzierte zu Fuß
Die erste Siegerehrung – die der Open – gab es direkt im Anschluss an das Rennen – schnell – in der Vet-Gate Halle. Freundlicherweise wurde wenigstens die Nationalhymne nicht direkt neben den zu untersuchenden Pferden geschmettert – die Blaskapelle durfte jedoch vor der Halle aufspielen, was immer noch genügend irritierte.
Die zweite Siegerehrung fand am Sonntag auf dem Springplatz statt. Leider durften nur die Medaillenempfänger zu Pferd kommen. So mussten sich die anderen Reiter ihre Ehrenschleife an den eigenen Kragen heften lassen.
Einer der Wermutstropfen in einer insgesamt guten Veranstaltung. Auch wenn es keine Medaille gab, die Leistung der deutschen Reiter und Betreuer war hervorragend, sie sind wieder ein Stückchen näher an die Weltspitze herangekommen.
Bärbel Büchting