2. Kreuzrather Landritt 2010
Ein Fest unter Freunden, aber mein persönlicher Nationalfeiertag!
Eigentlich wollte ich gerade zu diesem Ritt keinen Bericht schreiben, denn der würde auf keinen Fall objektiv aber sehr emotional. Ich bin aber ausdrücklich darum gebeten worden, also tat ich‘s doch.
Am 12. Juni fand der 2. Kreuzrather Landritt auf dem Fjordhof Heuter statt – in unserer alten Heimat.
Alles wie immer.
Ulrike Heuter und Christina Wilms luden zum „2. Fest unter Freunden“ in kleiner Runde über 86km.
Ich hatte genannt und war –wie immer- schon eine Woche im Voraus nervös. Meine beiden Stammtrosserinnen hatten abgesagt und so musste Nadine kurzfristig einspringen und mein Mann Marcel hatte sich ausnahmsweise bereit erklärt zu Trossen, was er sonst hasst!
Der Einladung folgten 23 Startwillige, die – entgegen Ulrikes Planung – schon Freitag Mittag ankamen. Alles nahm seinen Lauf, es wurde aufgebaut, voruntersucht, gegessen und sich nett bis spät Abends unterhalten und so ging der Freitag ins Land. Ich schlief in der Nacht vor dem Ritt – wie immer – gar nicht. Am schönen Samstag morgen ging es um 07:30 Uhr nach kurzem Frühstück mit dem Massenstart los. Dieser ging sehr gesittet von statten und die Gruppe blieb relativ lange zusammen.
Es ging über etwas hubbelige Graswege, befestigte und unbefestigte Feld- und Waldwege, durch die kleinen Wäldchen rund um Kreuzrath, an Seen vorbei bis in die Teverner Heide hinein. Dort, am Eingang der Teverner Heide am Katharinen Hof, wartete nach 26km die Erste von drei Pausen auf uns. Prompt fing es an zu regnen, obwohl Uli und ihr Mann Johannes doch massig Wasser für die Teilnehmer bereit gestellt hatten… Viele emsige, freundliche Helfer und der bekannt kompetente Dr. Künzel, mehr Unterstützer als Richter, warteten auf uns.
Nach 30 Minuten Pause ging es nun auf die tollen 9 km durch die Teverner Heide mit den tollen Sandreitwegen. Die 9 km bestritten meine beiden Mitreiterinnen Annika und Claudia und ich in etwas unter 20 Minuten, der Boden war perfekt zum Durchgaloppieren. Wieder am Katharinen Hof angekommen ging es auf anderer Route zurück nach Kreuzrath zu Heuters. Dieser Streckenabschnitt führte uns durch die Schinveld’se Bossen wo Highlandrinder frei rumlaufen. Bisher waren mir diese immer recht freundlich entgegengetreten, heute sahen wir kein Einziges. Die teilweise sehr unebenen Feldwege forderten ihren Tribut, nach und nach wurden Pferde aus dem Rennen genommen, weil sie sich vertreten hatten und nicht sauber liefen. Einmal stolperte Nuk so heftig, dass er fast den Boden mit der Schulter berührte. Irgendwie verdrehte ich mich dabei und zerrte mir beide Waden. Es tat höllisch weh und ich wusste die Beine nicht mehr ans Pferd zu kriegen! So lief ich hinterher auch. Im Ziel wurde mein Gang als „beeindruckend“ beschrieben.
Nach 43km gab es auf dem Fjordhof die zweite Pause. Mir taten die Beine weh und wegen des Beinahe-Sturzes von Nuk ließ ich Dr. Künzel genau auf die Beine achten und den Gang genaustens kontrollieren. Nuk lief – wie immer – prima. Also weiter! Es regnete noch immer, ich hatte literweise Wasser in den Schuhen und musste mich mit einer von Nuks Decken warmhalten. An diesem Punkt fragte ich mich wieder mal: „Warum tust du dir das an?“ Ich war der Verzweiflung nahe und im vollen Bewusstsein „voll einen an der Klatsche“ zu haben. „Warum spiele ich eigentlich nicht Badminton oder so..“? – Mir kam jegliche andere Sportart – bevorzugt Hallensport- sehr verlockend vor.
Während der 45 Minuten Ruhe hatte das Wetter endlich erbarmen und wir konnten die Runde zum zweiten Mal bei besserem Wetter bestreiten. Am frühen Nachmittag kam sogar die Sonne raus und strahlte mit uns um die Wette, ich war mittlerweile wieder trocken und gewärmt.
Kurz nach der 2. Pause gesellte sich Ineken aus den Niederlanden zu uns und blieb mehr oder weniger die ganze Zeit bei unserer Gruppe. In der dritten Pause, wieder am Katharinen Hof, angekommen hatten wir exakt 14km/h im Durchschnitt, das war ansehnlich und wir hatten mittlerweile einen netten Vorsprung auf das restliche Feld. Leider musste unsere Gruppe 8 Minuten auf Eine von uns warten. Wir hatten bis dahin 69 km zusammen zurückgelegt und so war für mich klar, dass wir die letzte Etappe auch noch zusammen reiten würden, denn die Pferde liefen bis dahin sehr schön zusammen.
Zu viert ging es also auf den letzten Streckenabschnitt, wieder durch die Schinveld‘se Bossen gen Ziel. Die Pferde kannten die Strecke und wurden immer flotter, ohne zu Hetzen.
Wir trabten (oder galoppierten wir?), mehr oder weniger Hand-in-Hand zu viert ins Ziel. Bei strahlendem Sonnenschein empfing man uns, früher als erwartet, mit einem Glas Sekt. Nuk bevorzugte einen Eimer Wasser.
Zur Nachuntersuchung wurden wir von Dr. Künzel nach genau 20 Minuten erwartet. Bis dahin hatte ich mich schon sehr gefreut mit unserer Gruppe als Erste im Ziel zu sein, aber wir mussten noch durch die NU! Natürlich war meine Sorge – wie immer – unangebracht, denn Nuk hatte bis dahin – wie immer – alle Kontrollen mit 1 und A bestanden. So bestanden wir auch die NU mit 44er Puls und mit großem Lob von Dr. Künzel. Heulattacke die Erste fand statt! Ich war FERTIG!
Nun hieß es Pferde versorgen und ich fuhr die 10 Minuten nach Hause um heiß zu duschen und die Klamotten zu wechseln. Das war eine Wohltat. Nuk stand glücklich und zufrieden in seiner Box mapfte – wie immer – was das Zeug hielt. Abends noch ein Ründchen spazieren gehen und lecker Gegrilltes und die tollen Salate mampfen. Ein kühles Bier vollendete den Abend, den wir, uns am Grill wärmend, in geselliger Runde und klönender Weise ausklingen ließen. Mike fragte mich warum ich so geweint hätte und so erzählte ich warum dieser Sieg für mich so überwältigend war:
Es war einmal….......... Im Winter 2001/2002 nahm ich eine Reitbeteiligung bei Heuters an. Ulis stämmiger Fjordwallach `Rambo` trug mich dann im Sommer 2002 über meinen ersten Distanzritt. Ich war also mit dem Distanzvirus infiziert. An einem Montag im Oktober 2004 war es soweit. Der Nuk, zu dem Zeitpunkt noch Namenlos, sollte mir vom Händler gebracht werden. Am Tag zuvor hatte ich den unscheinbaren, kleinen Braunen mit klaren Beinen, freundlichem Auge, viel zu langen Hufen und komischem Gang ausgesucht. Er sollte erstmal eine Woche zur Probe kommen. Der Händler fuhr mit Hänger vor und „Pferd“ fiel rückwärts vom Hänger, mir direkt vor die Füße (Verladen war komischerweise nie ein Problem für uns)! Alle schauten entsetzt. „Was willst du mit so was? Das ist ein rumänischer Karrengaul! Das wird kein Geländepferd!“ zugegeben, er war dürr und sehr deformiert. Stark ausgeprägte Muskulatur an der Vorderhand mit wunderschönem Unterhals. Die Hinterhand war dagegen mikrig und lief nur mit weil sie angewachsen war. Der Rücken bretthart und eine Wasserwaage wäre im perfektem Lot gewesen, denn es gab weder Widerrist noch Sattellage. Kurven konnte er nicht laufen sondern nur um die Ecke fallen. Alles egal, denn ich fühlte mich wohl und sicher auf diesem Ungetüm. 5,5 Jahre waren seit dem vergangen in denen ich unermüdlich an uns gearbeitet habe, oft der Verzweiflung nahe war, viel Rotz und Wasser geheult habe. Einige Rückschläge und Blessuren waren eingesteckt, viele kleine Schritte waren wir gegangen und allmählich zum Team geworden und haben so einige Distanz-km erfolgreich unter die Hufe genommen.
Es waren teilweise schwere Zeiten, in denen ich mehr gelernt habe als ich es mir jemals hätte vorstellen können. Nuk zwang mich mehrfach meinen Horizont zu erweitern und andere, unkonventionelle Wege zu gehen. So ein Rennpferd ist nicht auf Rittigkeit gezüchtet und hat einen starken Willen und Charakter.
Wer noch nie einen Traber von der Rennbahn selber ausgebildet hat, kann sich kein Urteil erlauben. Ich bin schon oft gefragt worden, ob ich ihn nochmal kaufen würde, nun da ich jetzt weiß was auf mich zukommt. Die Antwort ist immer „Nein, nicht nochmal, aber abgeben werde ich ihn nie, für kein Geld der Welt! Denn er hat mich nie enttäuscht wenn es drauf ankam und mich schon aus einigen Situationen gerettet!“
So beim Erzählen hatte ich wieder Tränen in den Augen.
Am Sonntag morgen ging es nach dem Frühstück und Frühschoppen zur Transportfreigabe. Pünktlich gegen circa kurz nach 10:00 Uhr fand die Siegerehrung statt. Dass wir zu viert den ersten Platz hatten war klar. Ich freute mich riesig und war so stolz auf mein Pony! Die Packung Taschentücher als Preis verstand ich als Anspielung auf meine Heulattacke vom Vortag. Unwissend, dass ich diese in wenigen Minuten benötigen würde.
Dann kam die Verleihung des Best Condition Awards. Dr. Künzel hielt eine kurze Ansprache und nannte Nuks Namen. Ich wollte auf diesem Ritt nur gut ankommen um den Menschen von damals zu zeigen, dass aus dem rumänischen Karrengaul doch „was geworden“ war. Zu Siegen, daran hatte ich nicht gedacht. Der BC noch obendrauf- Ich konnte es kaum fassen! Ich war überglücklich! Heulattacke die Zweite!- dafür waren also die Taschentücher, die ich bereitwillig mit Uli teilte. Ich hätte bei jedem Sieg + BC geweint, aber hier zu Gewinnen war für mich eine Bestätigung ohne Gleichen. Der BC eine innerliche Befriedigung doch den richtigen Weg gefunden und Einiges richtig gemacht zu haben.
Es war ein schöner Ritt mit durchweg freundlichen Helfern, bemühten Tierärzten und tollen, ruhelosen Veranstalterinnen. Vielen Dank nochmal an Alle an dieser Stelle. Wir kommen nächstes Jahr wieder! Tausend Dank auch an Nadine und Marcel (der jetzt öfter Trossen will) für eure tolle Unterstützung und Betreuung unterwegs! Ohne euch hätten wir es nicht geschafft!
Und die Moral von der Geschicht?
Darauf kommt ihr doch selber, oder?
Vera Derksen